"Ideenmanagement ist ein wichtiger Beitrag zur Stärkung unserer Ertragskraft"

14.05.2018 - 13:04

Das Zentrum Ideenmanagement ist die Interessengemeinschaft und das professionelle Netzwerk für Ideenmanager in Deutschland. Es unterstützt Menschen mit Rat und Tat, die das Ideenmanagement in ihrer Organisation vorantreiben und damit einen entscheidenden Beitrag für den Unternehmenserfolg leisten.
In loser Folge stellen wir Persönlichkeiten vor, die sich um das Ideenmanagement besonders verdient gemacht haben. Roland Rausch, Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Ideen- und Innovationsmanagement spricht mit Dr. Thomas Nöcker, Mitglied des Vorstands der K+S Aktiengesellschaft, über die wirtschaftliche Bedeutung des Ideenmanagements für das Bergbauunternehmen.

Roland Rausch: Welche wirtschaftliche Bedeutung hat das Ideenmanagement für K+S?

Dr. Thomas Nöcker: Mit dem Ideenmanagement – wir bei K+S nennen es Kontinuierlicher Verbesserungsprozess (KVP) – erhöhen wir die Produktivität von zahlreichen Arbeitsabläufen. Seit 2001 haben wir bei K+S mit etwa 100.000 realisierten Ideen einen nachhaltigen wirtschaftlichen Nutzen im Gesamtwert von rund 100 Millionen Euro erzielt. Darunter verstehen wir den berechenbaren Nutzen abzüglich aller Kosten. Dies ist ein ordentlicher Beitrag zur Stärkung unserer Ertragskraft, auf den wir nicht verzichten wollen und können.

Roland Rausch: Was macht den Bergbau in Bezug auf das Ideenmanagement besonders?

Dr. Thomas Nöcker: Bergbau ist nicht eines Mannes Sache – diese alte Bergmannsweisheit könnte auch das Motto von KVP sein. Aufgrund des komplexen und technisch anspruchsvollen Arbeitsalltags ist es notwendig, dass jeder Mitarbeiter an seinem Arbeitsplatz, mit seinem Spezialwissen und mit seinem kreativen Potential den notwendigen Wandel vorantreibt.

Roland Rausch: Welches sind für Sie als Vorstand die wichtigsten Argumente, ein KVP-System zu betreiben?

Dr. Thomas Nöcker: Meine Erfahrung aus 18 Jahren Ideenmanagement bei K+S zeigen, dass das schlanke, dezentrale Vorgesetztenmodell dem früheren zentralistisch geführten Betrieblichen Vorschlagswesen haushoch überlegen ist. Entscheidungen und die Umsetzung der Ideen sind hier deutlich schneller, weil viele Ideen im direkten Arbeitsumfeld des Mitarbeiters entstehen, zum Beispiel Verbesserungen zur Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz. Hier kann die jeweilige Führungskraft manchmal sehr schnell sofort entscheiden. Deshalb ist das dezentrale Vorgesetztenmodell für uns ein wichtiges, ergebnisorientiertes Führungsinstrument. Darüber hinaus nutzen wir die interdisziplinär besetzten KVP-Teams als Multiplikatoren für Verbesserungsinitiativen und auch als Ideenschmiede für betriebliche Problemstellungen.

Roland Rausch: Wie muss eine Führungskraft „gestrickt“ sein, um den KVP-Prozess bestmöglich zu unterstützen?

Dr. Thomas Nöcker: Den Führungskräften kommt eine Schlüsselrolle zu. Sie sollen nach unseren Führungsleitlinien als Katalysatoren für das Ideenmanagement wirken. Ihre Vorbildfunktion sowie Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit im Umgang mit den Ideengebern und ihren Vorschlägen haben eine wichtige Signalwirkung für alle Mitarbeiter. Außerdem sollte die Führungskraft jedem Mitarbeiter die Ziele seines Bereiches klar kommunizieren. So gelingt es, dass auch Ideen entstehen, die die Zielerreichung unterstützen.

Eine erfolgreiche Führungskraft hilft den Mitarbeitern bei der Formulierung von Ideen und setzt sich für deren Umsetzung ein. Und sie ist für schnelle Entscheidungen ebenso verantwortlich wie für eine gute Kommunikation. Ist eine Idee aus ihrer Sicht nicht sinnvoll, so muss das auch klar begründet und kommuniziert werden.

Roland Rausch: Das hört sich anspruchsvoll und nach viel Arbeit an…

Dr. Thomas Nöcker: Ideenmanagement richtig verstanden ist keine Zusatzaufgabe für die Führungskräfte, sondern elementarer Teil der täglichen Führungsarbeit. Darauf bereiten wir unsere Führungskräfte in speziellen Zwei-Tages-Trainings vor. Unser KVP ist zwar Teil unseres Managementsystems, gleichwohl aber kein Selbstläufer. Entscheidend sind Anerkennung und Wertschätzung für die Ideen unserer Mitarbeiter. Wir sehen im Übrigen auch einen interessanten Zusammenhang: Führungskräfte, die besonders erfolgreich führen und viele Ideen bearbeiten, schließen diese Ideen auch besonders zügig ab. Es ist auch hier wieder eine Frage der inneren Haltung zu den Ideen der Mitarbeiter.

Roland Rausch: Wie erkennen Sie besonders gute Ideen – und wie verhilft man diesen Ideen zum Durchbruch?

Dr. Thomas Nöcker: Mit richtig guten oder gar bahnbrechenden Ideen ist es manchmal wie mit einem hochwertigen Wein: sie müssen reifen und brauchen etwas mehr Zeit für die Umsetzung. Zum Durchbruch verhilft man diesen Ideen, indem der Wertbeitrag kalkuliert und transparent gemacht wird. Im Schnitt bekommen wir für jeden investierten Euro im Ideenmanagement rund 5 Euro zu-rück.

Roland Rausch: Was ist ein geeigneter Rahmen, um Ideen zu entwickeln? Braucht es für die Ideenentwicklung Anreiz-, Planungs- oder Kontrollsysteme?

Dr. Thomas Nöcker: Wir brauchen alle drei Systeme, aber mit unterschiedlicher Gewichtung. Unverzichtbar ist ein strukturierter und transparenter Prozess, damit keine Idee verlorengeht und jeder Beteiligte im Prozess weiß, wie der Bearbeitungsstand ist. Alle Zahlen wie Beteiligungs- und Umsetzungsrate, Bearbeitungszeit, Nutzen und Anzahl der Vorschläge sind vom Konzern bis auf jede Führungsebene per Knopfdruck verfügbar. Auf den Anreiz von außen können wir weitgehend verzichten, wenn unsere Führungskräfte einen guten Job machen und die Ideen ihrer Mitarbeiter anerkennen. Dennoch müssen wir das Thema Ideenmanagement durch verschiedene Aktionen stets im kollektiven Bewusstsein der Belegschaft halten.

Roland Rausch: Lässt sich jede Idee in Euro und Cent bewerten?

Dr. Thomas Nöcker: Viele Ideen lassen sich nicht berechnen. Oder der Aufwand für die Berechnung würde den Nutzen übersteigen. Da jede Führungskraft dem wirtschaftlichen Prinzip verpflichtet ist, muss der Vorgesetzte auch die nicht berechenbare Idee danach abwägen, was deren Umsetzung kosten würde und wie hoch der Nutzen ist. Nach der Entscheidung greift jedoch bei K+S eine Währung, die aus unserer Sicht noch viel wich-tiger ist: Die Wertschätzung. Deshalb ist das abschließende Gespräch nach jeder eingereichten Idee zwischen Führungskraft und Ideen-Einreicher ein wesentlicher Bestandteil unserer Zusammenarbeit.

Roland Rausch: Prozess, Kultur, Software, Ergebnisbeitrag – Berater versuchen, das „Pferd“ Ideenmanagement je nach Verkaufsabsicht unterschiedlich aufzuzäumen. Worauf kommt es wirklich an?

Dr. Thomas Nöcker: Mit unserem Ideenmanagement sind die Mitarbeiter in die Gestaltung der eigenen Arbeitsprozesse eingebunden. Mitdenken und Mitumsetzen sind ausdrücklich erwünscht. Dies schafft ideale Voraussetzungen für eine positive Arbeitsumgebung und Arbeitseinstellung und stärkt das Selbstwertgefühl der Mitarbeiter. Durch Anerkennung der Ideen und Wertschätzung der Ideengeber entwickeln wir eine Kultur, in der Veränderungen nicht als Bedrohung, sondern als Chance gesehen wird.
Unsere Aufgabe im Management ist es, eine kritische Masse der Mitarbeiter für das Ideenmanagement zu bewegen und es damit zu einer Bewegung im Unternehmen zu machen. Damit können wir das zu Tage fördern, was andere nicht beachten oder gar links liegen lassen. Ich bin davon überzeugt, dass genau darin der Unterschied zwischen guten und exzellenten Unternehmen besteht.

Roland Rausch: Wie machen Sie das Ideenmanagement im Unternehmen sichtbar?

Dr. Thomas Nöcker: Neben Kennzahlen und Berichten ist unser wichtigstes Instrument die öffentliche Auszeichnung der Ideengeber. Es ist mir persönlich sehr wichtig und stets eine große Ehre, die besten Einreicher, Führungskräfte und Teamsprecher in unserer Unternehmenszentrale in Kassel im Rahmen eines gemeinsamen Mittagessens auszuzeichnen.
Verstärkt wird das Ideenmanagement durch unsere KVP-News. Diese 12-seitige Unternehmenszeitung wird dreimal pro Jahr veröffentlicht und berichtet über Ideen und Initiativen von Mitarbeitern und Teams. Kleine, pfiffige Ideen finden dort ebenso Platz wie „große“ Ideen mit hohem Nutzen. Wichtig ist, dass sich alle unsere Standorte hier wiederfinden.

Roland Rausch: Was fasziniert Sie persönlich am Ideen- und Innovationsmanagement?

Dr. Thomas Nöcker: Ich sprach eingangs von den positiven betriebswirtschaftlichen Effekten, die wir damit erzielen. Aber es geht um weit mehr. Seitdem wir das Ideenmanagement bei uns im Jahr 2001 eingeführt haben, hat sich die Art und Weise, wie wir miteinander arbeiten und reden massiv verändert. Deutlich spürbar sind Verbesserungen in der Gesprächskultur, bessere Teamarbeit, mehr Eigenverantwortung, bessere Motivation durch die Wertschätzung jeder einzelnen Idee, ein positiver Umgang mit Fehlern und nicht zuletzt eine höhere Identifikation mit dem Unternehmen. Auf den Punkt gebracht: Wenn es uns auch weiterhin gelingt, mit dem KVP das Betriebsklima und die Unternehmenskultur positiv zu beeinflussen, dann sind wir für die Zukunft gut aufgestellt.